Als aus Magie Angst wurde

Die Nächte in unserer Villa hatten etwas Magisches. Das Meer rauschte gleichmäßig, der Wind bewegte die Palmen und irgendwo da draußen, so hofften wir, krochen Meeresschildkröten aus der Dunkelheit an Land.

Ich wollte das unbedingt erleben. Schon immer.
Mein einziges „Schildkrötenerlebnis“ lag über zwanzig Jahre zurück: eine tote Schildkröte, die in Afrika nahe am Strand trieb. Dieses Bild hatte sich eingebrannt. Es war traurig. Vielleicht war es genau deshalb so wichtig für mich, diesmal Leben zu sehen.

In der zweiten Nacht stellte ich mir den Wecker auf 2:00 Uhr. Laut Nighti eine sehr wahrscheinliche Zeit. Als es so weit war, wachte ich sogar ohne Klingeln auf. Carsten begleitete mich. Wir standen über 30 Minuten am dunklen Strand, starrten ins Schwarz, lauschten. Nichts. Nur Wellen.

Für die dritte Nacht beschlossen wir, es strategischer anzugehen.
Schichtbetrieb.
1:00 Uhr. 2:00 Uhr. 3:00 Uhr.
Wenn jemand etwas entdecken würde, sollten alle geweckt werden. Doch dazu kam es nicht.
Um 23:30 Uhr rüttelte Carsten mich wach. Er war außer Atem. „800 Meter weiter. Eine Schildkröte. Nighti ist schon dort.“

Ich war sofort hellwach.

Schlaftrunken schlüpfte ich in meine Kleidung. Wir weckten Leo und Valentina. Leo sollte bei Florin bleiben, das Haus war nun unbewacht. Valentina und ich rannten los. Barfuß durch die Dunkelheit, über den weichen, kalten Sand. Mein Herz schlug bis zum Hals.
Mitten in der Nacht, am menschenleeren Strand, meiner Tochter an der Hand, ins Ungewisse.

Unterwegs begegnete uns ein Mann. Einfach so. Aus dem Nichts. Er fragte uns, wohin wir liefen. Ich antwortete vage, alles in mir zog sich zusammen. Ein mulmiges Gefühl, das sich nicht erklären ließ.
Als wir die kleine Gruppe in der Ferne erkannten, sah ich zuerst Steffi. Dann Nighti. Und dann – sie.

Eine riesige, wunderschöne Schildkröte.
Ein uraltes, friedliches Wesen, das gerade dabei war, neues Leben in den Sand zu legen.

Doch die Stimmung war falsch.

Neben Nighti standen zwei Männer. Sie diskutierten heftig. Ich verstand kein Wort, aber ich spürte: Das ist nicht gut.
Kurz darauf stießen Pubuduni und Carsten zu uns. In meinem Kopf lief ein Film ab. Leo und Florin allein im Haus. Der seltsame Mann auf dem Weg. Diese aggressive Energie in der Luft.
Pubuduni war ganz blass. Selbst im schwachen Mondlicht sah man es. Leise, fast ohne Luft zu holen, sagte sie auf Deutsch: „Das ist gefährlich. Sie beschimpfen ihn schlimm. Weil er euch geholt hat, können sie die Eier jetzt nicht stehlen.“

In diesem Moment verstand ich. Es ging nicht um ein Naturerlebnis. Es ging um Wilderer.

Die Männer waren wütend. Nighti hatte uns informiert und damit Zeugen geschaffen. Meeresschildkröten stehen unter strengem Schutz. Ihre Eier zu stehlen ist strafbar, darauf gibt es sogar Gefängnisstrafe. Aber das hielt diese Männer offensichtlich nicht ab.

Carsten wollte zurück zu den Kindern. Pubuduni hielt ihn fest. „Papa, bitte geh nicht.“

Ich hatte selten solche Angst gespürt. Nicht panisch. Nicht hysterisch. Sondern diese kalte, klare Angst, wenn man merkt: Hier stimmt gerade etwas ganz grundsätzlich nicht.

Und dann passierte es.

Die beiden Männer packten die Schildkröte. Dieses schwere, uralte Tier. Und warfen sie einfach zurück ins Meer.

Sie hatte ihre Eiablage noch nicht beendet. Ich war wie gelähmt. Kein Schrei. Kein Wort. Nur Schock. Nighti reagierte blitzschnell. Er sammelte die bereits abgelegten Eier ein. Golfballgroß, weich, zerbrechlich. Wir liefen schnell. Die Männer brüllten uns hinterher. Ich drehte mich nicht um.

Wir liefen den Strand entlang zurück zur Villa.

Erst dort erklärte uns Pubuduni, was genau gefallen war. Die Drohungen. Die Beleidigungen. Die Aggression. Wie wütend die Männer gewesen waren, weil sie ihr Geschäft verpasst hatten. Ich konnte es nicht fassen.

Dieses majestätische Tier hatte nichts getan, außer dem ältesten Instinkt der Welt zu folgen. Und wurde dafür misshandelt.
Bedrückt. Schockiert. Traurig. So gingen wir ins Bett.

In dieser Nacht war nichts mehr magisch.

Nur die Erkenntnis, wie zerbrechlich Natur ist.
Und wie grausam Menschen sein können.

Ein Gedanke zu „Als aus Magie Angst wurde

  1. Namaste🙏, Oft liegen Wunder und Schrecken nahe beieinander… es ist schockierend, wie überall auf diesem Planeten, die Menschen aus Habsucht und Gier die Natur zerstören und plündern. Zum Glück ist euch nichts passiert ( zumindest hört sich eure Erzählung so an. ). Was wird jetzt aus den geretteten Schildkröteneiern ?

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